Lepidoptera

Willkommen in der Welt der FeenHier können sie über Fantasy, Mythologien und vieles anderes reden. Der Gasthof ist ein Ort der geistige Begegnung. Aber dazu singen und tanzen sie, denn so lieben uns die Götter!


Lepidoptera

Postby Terraburg » 30 May 2011 18:22

Lepidoptera
AngelzoomDer kleine Schmetterling flog spiralenförmig um das große, weiße Gebäude herum und genoß die laue, samtene Luft auf Sirius VIII. Er hatte natürlich keine Ahnung, daß sich in diesem Gebäude namhafte Wissenschaftler aus allen Teilen der bewohnten Galaxis gerade trafen, um hinter das Geheimnis der rätselhaften ökologischen Geschehnisse auf dem Planeten zu kommen.

So merkwürdig es klang, aber es schien, als sei der Planet dabei, Selbstmord zu begehen. Pflanzen gingen aus unerklärlichen Gründen in ganzen Arealen über Nacht ein, Tierarten starben aus, weil sie einfach aufhörten, sich zu vermehren. Vulkane, die seit Jahrtausenden ruhig in der Gegend herumstanden, fingen plötzlich an, Feuer zu spucken. Die Jahreszeiten spielten verrückt, und das Wetter nicht minder. Und für all das gab es nicht eine auch nur annähernd logische Erklärung. Die Wissenschaftler sprachen von "komplexen Zusammenhängen" und "multikausalen Synchronizitätsketten", aber das taten sie immer, wenn sie eigentlich keine Ahnung hatten, was dahintersteckte.

Den Schmetterling störte das nicht, und außerdem konnte er Wissenschaftler sowieso nicht leiden. Sie waren so grauenhaft arrogant. Das ging sogar so weit, daß sie ihn und andere Wesen klassifizierten. Als ob sie dazu irgendein Recht hätten. Abgesehen davon hatten diese Klassifizierungen nicht einmal einen besonderen Sinn. In ihrer Terminologie gehörte er zur Gattung der Lepidoptera.

Lepidoptera. Der Schmetterling wand sich innerlich beim Klang dieses Wortes. Das hörte sich ja nun wirklich eher nach Verdauungsbeschwerden an als nach einem so ätherisch-filigranen Wesen wie er eines war. Aber damit nicht genug. Die Art, zu der er nach der Auffassung dieser blutleeren Weißkittel gehörte, hieß "Abraxas grossulariata", und da schüttelte es einen doch wirklich. Zwar wußte der Schmetterling nicht genau, warum beim Klang dieser Worte immer kleine Hexen und schwarze Raben durch seinen Kopf geisterten, aber er ekelte sich vor beidem. Nichts als verbale Selbstbefriedigung, dachte er und flog noch ein paar wunderschöne symmetische Spiralen.

Dann beschloß er, in das nahe gelegene Waldstück zu fliegen, dort gab es nämlich seit kurzem so merkwürdige lilafarbene Pflanzen, deren Geruch ihn unglaublich anzog.

Warum können Schmetterlinge eigentlich nicht einfach "Heinz" heißen, dachte er bei sich, als er noch eine letzte Runde um das Gebäude flog und dann Kurs nach Osten nahm.

Was der Schmetterling nicht wußte, war, daß er aufgrund mehrerer völlig asynchroner Ereignisse durch seine Flugbahn ein neuerliches metereologisches Phänomen verursacht hatte: am Himmel türmten sich die ersten Cumulus-Wolken, und binnen weniger Stunden würde es anfangen zu schneien. Für einen warmen Planeten wie Sirius VIII war dies nicht nur ungewöhnlich, sondern geradezu absurd. Aber natürlich hatte der Schmetterling auch noch nie etwas vom sogenannten "Schmetterlingseffekt" gehört.

Carlos wachte auf, gähnte ausgiebig und wunderte sich zum wiederholten Male, wieso er eigentlich einen Namen trug, der so überhaupt nicht zu ihm paßte. Aber wie all die Male zuvor fiel ihm auch heute keine vernünftige Erklärung dafür ein. Hätte er einen der Mönche des Sanju-Ordens auf einer kleinen, abgelegenen Welt am Rande der Galaxis befragt, hätte er womöglich eine Antwort darauf erhalten, denn diese Mönche befaßten sich schon seit sehr langer Zeit mit Klängen, ihren Frequenzen und Modulationen und deren Wirkung auf organische und anorganische Wesen. Und womöglich hätte ihm dieses Wissen geholfen, auch einige andere mysteriöse Dinge in seinem Leben zu erklären. Aber Carlos kannte weder den Sanju-Orden noch die Nadabrahma- Lehren, und selbst wenn er davon gehört hätte, hätte er es vermutlich vorgezogen, nicht zu viel darüber zu wissen. Denn das hätte bedeuten können, daß er Konsequenzen ziehen müßte, und das wiederum erschien ihm viel zu anstrengend. Da sinnierte er doch lieber ab und zu über den Ursprung seines Namens nach.

Carlos war Schriftsteller und Schöpfer des bekannten Waldfee-Zyklus. Leider war es so, daß Carlos selber die Waldfeen in der Zwischenzeit ziemlich auf die Nerven gingen und er beschlossen hatte, der Waldfee-Zyklus sei beendet. Damit war nicht nur sein Lesepublikum nicht einverstanden. Aber Carlos kümmerte sich nicht darum.

Außerdem hatte er einen heftigen Muskelkater in den Oberarmen, was eigentlich verwunderlich war, wenn er darüber nachdachte, wie er die letzten beiden Tage (und natürlich auch die Nächte) verbracht hatte. Eigentlich hätten ihm ganz andere Körperteile Beschwerden machen müssen..... Er lächelte vor sich hin und kam zu dem Schluß, daß das Leben manchmal einfach merkwürdig war. Da war diese ungewöhnliche Frau plötzlich in sein Leben geschneit und auf einmal überstürzten sich die Ereignisse. Carlos versuchte zwar, irgendwie die Kontrolle über alles zu behalten, was da so vor sich ging, aber das gelang ihm irgendwie nur stellenweise.

Vielleicht wäre ihm einiges klarer geworden, wenn er nicht den Bryotranslator verlegt hätte. Dann hätte er nämlich den Bryophyta zuhören können. Die Bryophyta wohnten in seinem Garten (nicht nur da, natürlich) und waren seit einiger Zeit spürbar aktiver als die Jahre davor. Sie waren seltsame Wesen und stammten eigentlich von einer Welt namens Proxima 3, was aber außer ihnen und Carlos niemand wußte. Und nicht einmal der ahnte, daß die Bryophyta nicht die einzigen Wesen hier waren, die ursprünglich von Proxima 3 stammten.....

Lolli saß auf ihrem Lieblingsbaum in Carlos’ Garten und kicherte vor sich hin. Beinahe hätte sie sich dabei an einem Schokoladenkeks verschluckt. Sie hatte es doch tatsächlich geschafft, die Ausläufer der kosmischen Ereignisfelder so zu manipulieren, daß Carlos die Wirkung voll zu spüren bekam. Natürlich wäre er selbst nie auf die Idee gekommen, wer da wirklich dahintersteckte....

So, das hast du jetzt davon, sagte Lolli befriedigt zu sich selbst. Warum hast du mir auch meinen Wald weggenommen. Was soll eine Waldfee schließlich ohne Wald? Wo kämen wir überhaupt hin, wenn jeder eine Fee einfach so entwalden könnte? Aber nun hatte sie es ihrem Schöpfer heimgezahlt. Sie kicherte wieder. Das würde man ja noch sehen, wer hier eigentlich wessen Phantasie war. Der würde sich noch wundern.

Das einzige, was irgendwie nicht ganz so befriedigend war, war die Tatsache, daß sie zwar die Ereignisfelder sozusagen zum Kurzschluß gebracht hatte, aber nun auch keine Möglichkeit mehr hatte, weiter zu beeinflussen, was nun passierte. Zumindest fiel ihr im Moment nichts ein. Aber der hemmungslose Genuß von Schokoladenkeksen brachte sie eigentlich fast immer auf irgendwelche kreativen Ideen. Das versuchte sie sich zumindest einzureden, denn irgendeinen Grund brauchte sie ja, um den kontinuierlichen Mißerfolg ihrer Diäten zu rechtfertigen. Ich bin außerdem gar nicht wirklich dick, sagte sie zu sich und kicherte erneut, ich habe einfach nur barocke Formen. Und das hörte sich ja nun wirklich bedeutend besser an.

Sie sah Carlos zu, wie er durch den Garten ging und das Tor langsam hinter sich schloß. Selbst ein Blinder müßte eigentlich sehen, daß er einen regelrechten Schweif an merkwürdig tanzender Energie hinter sich herzieht, dachte Lolli vergnügt und schüttelte den Kopf.

Carlos schlenderte langsam durch das Waldstück und wunderte sich, daß es plötzlich erheblich kälter zu werden schien. Er fröstelte leicht und zog seine Jacke enger um sich. Irgendwas war komisch heute. Ob es an der Jahreszeit lag? Er sah sich aufmerksam um.

Auf den ersten Blick sah eigentlich alles aus wie immer. Und doch - irgendetwas war anders. Er konnte nicht herausfinden, was eigentlich so anders war.... oder bildete er sich das alles einfach nur ein? Da war immer so ein merkwürdig summendes Geräusch im Hintergrund. Es erinnerte ihn an irgendetwas. Er dachte angestrengt nach, aber es fiel ihm einfach nicht ein.

Er ging noch ein Stück weiter, bis er zu einer kleinen Bank kam. Gerade brach die Sonne noch einmal durch die Wolken, und es wurde ein bißchen wärmer. Carlos setzte sich auf die Bank, dachte an die vergangenen Nächte und hing ziemlich angenehmen Erinnerungen nach, als sich plötzlich ein alter Mann mit kahlem Schädel neben ihn setzte.

"Ich bin Sokrates" sagte er etwas zusammenhanglos und riß Carlos damit unsanft aus dessen -nun ja, zugegebenermaßen ziemlich männlich-profanen sexuellen Gedanken.
Carlos betrachtete ihn nicht besonders interessiert.
"Aha," sagte er dann, was eine nicht ganz so eloquente Erwiderung war, aber das war ihm egal.

"Dein hedonistischer Ansatz ist vom syllogistischen Standpunkt aus ziemlich blöd," sagte Sokrates und schüttelte den Kopf, "hast du denn noch nie etwas vom ‘principium exclusi tertii’ gehört?"
Carlos sah ihn verblüfft an.
"Woher weißt du denn etwas von meinen hedonistischen Überlegungen?"
"Ach, ich weiß, daß ich nichts weiß," erwiderte Sokrates weise, stand auf und ging, leise vor sich hin murmelnd, von dannen.

Der wird auch immer sonderbarer, dachte Carlos, dem es jetzt wieder zu kalt wurde, weil die Sonne es schließlich aufgegeben hatte, sich Schlupflöcher durch die immer dichter werdenden Wolkenberge zu suchen.

Ein kleiner Schmetterling tanzte aufgeregt vor ihm hin und her, als wolle er ihm irgendetwas mitteilen. Schließlich setzte er sich kurz auf seinen Arm, schlug ein bißchen mit den Flügeln und flog wieder davon. Die Sanju-Mönche hätten Carlos sagen können, daß die Begegnung mit einem Schmetterling als glücksbringendes Omen angesehen wurde und keinesfalls bedeutungslos war. Aber Carlos wußte es nicht, und dachte deswegen auch nicht weiter darüber nach.

Er stapfte ziemlich gedankenverloren durch die Gegend. Nicht einmal die seltsamen lila Pflanzen fielen ihm auf, die rechts neben ihm in einer kleinen sumpfigen Wiese standen. Das einzige, was er bemerkte, war ein widerlich-fauliger Geruch, der aus dieser Wiese zu kommen schien. Carlos vermutete die Hinterlassenschaften irgendeines Tieres, aber damit lag er natürlich völlig verkehrt.

Die Pflanzen summten entzückt vor sich hin, während sie mit atemberaubender Geschwindigkeit dabei waren, die Molekular-Struktur des Bodens in etwas völlig anderes zu verwandeln.

Nach einiger Zeit erreichte Carlos ein kleines Holzhaus, alt und verwittert, aber bunt angemalt und liebevoll gepflegt. Blumen wuchsen rund um das Häuschen, und draußen schaukelte ein Blechschild ziemlich wild vor sich hin, denn der Wind hatte inzwischen deutlich zugenommen.

"Astrale Reisen - pauschal oder individuell" stand in roten Lettern auf dem Schild. Darunter stand "Sonderangebote möglich. Information und Beratung hier" und ein kleiner Pfeil wies auf den Eingang.

Carlos trat ein und begrüßte seine alte Freundin Bruni herzlich. Sie kannten sich schon ziemlich lange, und Bruni hatte ihm in den letzten Jahren öfter einmal ein paar wichtige Ratschläge gegeben. Einige hatte er sogar befolgt, zum Beispiel den, sich niemals mit Frauen einzulassen, deren Name auf ein "a" endete. Im Gegensatz zu Carlos wußte Bruni nämlich durchaus etwas von den Nadabrahma-Lehren der Sanju-Mönche.

Sie stellte ihm wortlos einen Becher Tee hin, und Carlos war froh, etwas Warmes zu trinken zu bekommen. Er trank ein paar Schlucke Tee. Dann setzte er die Tasse ab und sah ihr gedankenverloren zu, wie sie einige Dinge in eine große Tasche stopfte.

"Glaubst du, sie liebt mich?" fragte er zögernd.
Bruni wandte sich um, verdrehte die Augen und schüttelte ungläubig den Kopf.
"Meine Güte," erwiderte sie, während sie immer noch Beutelchen mit Kräutern und Fläschchen mit geheimnisvollen Essenzen darin in die Tasche packte, "hast du denn jetzt keine anderen Sorgen? Diese Welt hier beginnt sich aufzulösen, und das mit rapider Geschwindigkeit, und abgesehen davon, daß dir diese Tatsache komplett entgeht, denkst du an nichts anderes als an irgendwelche Frauen??"

"Wieso löst die Welt sich auf," fragte Carlos betroffen und etwas verstört, "und was machst du da eigentlich?"
"Ich packe," entgegnete sie, "was auch unschwer zu erkennen ist. Und wir haben nur noch wenig Zeit. Eigentlich sollten wir schon unterwegs sein."

Carlos verstand nun immer weniger.
"Wieso unterwegs? Wohin gehen wir denn? Eine astrale Reise?"
Bruni schüttelte nur den Kopf.
"Ach was, astrale Reise. Sieh dich doch einmal um! Wir brauchen diesmal unseren ganz profanen physischen Körper, weil wir nämlich nicht zurückkommen werden. Und daran bist du nicht ganz unschuldig."
Mit einer entschlossenen Handbewegung machte sie die Tasche zu.

"Würdest du mir bitte freundlicherweise mal erklären, was eigentlich hier los ist ?" fragte Carlos, jetzt doch ziemlich beunruhigt.
"Vielleicht solltest du deine dämlichen Waldfeen besser unter Kontrolle halten," antwortete Bruni und zupfte ihn am Ärmel.
"Den Rest erkläre ich dir später. Jetzt komm mit."

"Du hast mir immer noch nicht gesagt, wo du eigentlich mit mir hinwillst," sagte Carlos verwirrt.
"Proxima 3," gab Bruni zurück, als sei das völlig selbsterklärend und nahm noch einen Beutel mit Proviant mit, "und beeile dich, die nächste Fähre geht in 45 Minuten, Zeitdilationen nicht mitgerechnet."
"Und," setzte sie hinzu, als sie seine zweifelnde Miene sah, "keine Sorge. Du wirst sie wiedersehen auf Proxima 3. Vertrau mir."
Mit diesen Worten schob sie ihn halb durch die Tür.

In einem unbeobachteten Augenblick ließ sich der kleine Schmetterling in die Provianttasche fallen. Er wollte schon immer mal nach Proxima 3, und die Gelegenheit erschien ihm überaus günstig.

Die Luft draußen hatte sich ganz seltsam lila gefärbt. Carlos wunderte sich darüber, aber viel Zeit zum Wundern blieb ihm nicht, denn Bruni war wild entschlossen, diese Fähre noch pünktlich zu erreichen. Schließlich machten sie sich auf den Weg.

Die Bryophyta wunderten sich nicht, aber das taten sie eigentlich sowieso nie. In ihrer seltsamen, nichtmenschlichen Sprache trällerten sie dumme Schlager vor sich hin. Das lag zum einen daran, daß ihnen Schlager einfach gefielen und zum anderen daran, daß Weltuntergänge sie nicht besonders beeindruckten. Sowas kam schließlich immer mal wieder vor.

Als die ersten Schneeflocken fielen, verließ die Fähre gerade den Orbit um den Planeten.
Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit, dachte der Kapitän der Fähre und summte glücklich einen alten Schlager vor sich hin. Er wunderte sich kurz, warum er solch alberne Gedanken hatte, aber dann vergaß er es wieder und begann mit dem Hyperraummanöver.
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